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Ronald Friedmann

»Trotz alledem!«

Vor einhundert Jahren, am 15. Januar 1919, wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht heimtückisch ermordet

Am 1. Januar 1919 eröffnete der sozialdemokratische »Vorwärts« seine Hetzkampagne gegen Emil Eichhorn, den Polizeipräsidenten von Berlin, der dem linken Flügel der USPD angehörte und am 9. November 1918 vom Vollzugsrat des Berliner Arbeiter- und Soldatenrats in seine Funktion eingesetzt worden war. Eichhorn hatte vor der Novemberrevolution als Angestellter im Berliner Büro der sowjetrussischen Nachrichtenagentur »Rosta« gearbeitet. Vor allem jedoch warf ihm der »Vorwärts« vor, während der sogenannten Weihnachtskämpfe wenige Tage zuvor die revolutionären Matrosen unterstützt zu haben. »Jeder Tag«, schlussfolgerte deshalb der »Vorwärts«, »den Herr Eichhorn länger in seinem Amt als Polizeipräsident bleibt, bedeutet eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit«. Die preußische Regierung, der seit dem Rückzug der USPD nur noch Minister mit dem Parteibuch der SPD angehörten, reagierte schnell: Eichhorn wurde am 4. Januar 1919 entlassen.

 

Die Revolutionären Obleute, die Führung der Berliner USPD und die Zentrale der eben gegründeten KPD beschlossen daraufhin, für den 5. Januar 1919 zu einer Massendemonstration von der Siegesallee im Tiergarten zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz aufzurufen. Und mehr als 100.000 Menschen folgten dem Aufruf. Während des vielstündigen Protestes warnten Karl Liebknecht und andere Redner immer wieder vor spontanen und unüberlegten Handlungen, doch die Führer der Aktion konnten nicht verhindern, dass bewaffnete Demonstranten die Druckereien des »Vorwärts«, des »Berliner Tageblatts«, die Verlagsgebäude von Mosse, Ullstein, Scherl und das Wolff’sche Telegrafenbüro besetzten.

Ein Aufstand ohne Führung

In dieser Situation konstituierte sich ein 33-köpfiger Revolutionsausschuss, an dessen Spitze Georg Ledebour, Karl Liebknecht und Paul Scholze standen. Ohne ausreichendes Wissen über die tatsächliche Stimmung unter den Massen und getäuscht von Gerüchten, dass die Truppen in und um Berlin einen Aufstand unterstützen würden, rief der Revolutionsausschuss für den 6. Januar 1919 zu Massenaktionen zum Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann und zur Übernahme der politischen Macht in Deutschland »durch das revolutionäre Proletariat« auf. Rosa Luxemburg, Richard Müller, Ernst Däumig und andere lehnten ein solches Vorgehen allerdings ab, denn sie vertraten die Ansicht, dass der Zeitpunkt für einen solchen – auch aus ihrer Sicht notwendigen – Kampf verfrüht und taktisch unklug gewählt war.

Der folgende Tag war gekennzeichnet durch Demonstrationen protestierender Arbeiter und ebenso massive Gegendemonstrationen und den Aufmarsch regierungstreuer Truppen, die bereitstanden, mit der Waffe in der Hand gegen die Aufständischen im Zentrum Berlins vorzugehen. Der Aufstand, eine spontane Massenbewegung ohne wirkliche Führung, war zusammengebrochen, bevor er überhaupt begonnen hatte.

Angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage sprachen sich zahlreiche Mitglieder des Aktionsausschusses für Verhandlungen mit der Regierung über eine Beendigung der Kämpfe und einen gewaltlosen Rückzug aus den besetzten Gebäuden aus. Doch die Verhandlungen scheiterten bereits nach wenigen Stunden.

Am 7. Januar 1919 übertrug Friedrich Ebert, der Chef der sozialdemokratischen Reichsregierung, seinem Genossen Gustav Noske das Kommando über alle Truppen in und um Berlin. Mit den Worten »Meinetwegen! Einer muss den Bluthund machen! Ich scheue die Verantwortung nicht!«, akzeptierte Noske seine neue »Aufgabe«.

Am 10. Januar 1919 stürmten Freikorpsleute die Druckerei der »Roten Fahne«, der Zeitung der KPD. In der Nacht zum 11. Januar 1919 begann unter Einsatz von Flammenwerfern, Maschinengewehren und Mörsern der Angriff der Regierungstruppen und der Freikorps auf das noch immer von Aufständischen besetzte Berliner Zeitungsviertel und insbesondere das Haus des »Vorwärts«. Dabei ging es weder den Militärs noch den hinter ihnen stehenden Regierungspolitikern um die »Befreiung« der besetzten Gebäude oder den »Schutz der Demokratie«, es ging um eine blutige Abrechnung mit der Revolution. Folgerichtig wurden Dutzende Kämpfer, die bereits kapituliert hatten, aber auch unbeteiligte Bürger, kaltblütig erschossen. Im offiziellen Bericht eines Untersuchungsausschusses des Preußischen Landtags hieß es wenige Monate später, dass bei der Niederwerfung des Januaraufstandes mehr als 150 Menschen getötet wurden. Obwohl spätestens am 13. Januar 1919 allen Beteiligten klar war, dass die Kämpfe zu Ende waren und wieder »Ruhe und Ordnung« in Berlin eingekehrt waren, ging die Jagd auf die Revolutionäre mit unverminderter Brutalität weiter.

Am 15. Januar 1919 fielen auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht der blutrünstigen Soldateska in die Hände. Angehörige einer »Bürgerwehr« hatten sie in der Mannheimer Straße 43 in Berlin-Wilmersdorf, einem der vielen illegalen Quartiere, in denen die beiden in den vorangegangenen Tagen und Nächten Zuflucht gesucht hatten, aufgespürt und im Hotel »Eden« an Hauptmann Waldemar Pabst ausgeliefert, den Ersten Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die dort ihr Stabsquartier eingerichtet hatte. Karl Liebknecht wurde im »Eden« zunächst schwer misshandelt und dann umgehend erschossen. Die Mörder selbst lieferten seinen Leichnam als »unbekannten Toten« im Leichenschauhaus ab. Rosa Luxemburg wurde unter Schlägen und Tritten in ein Auto gezerrt, um sie angeblich ins Untersuchungsgefängnis nach Moabit zu bringen. Sie wurde mit einem Gewehrkolben bewusstlos geschlagen und dann in der Nähe der heutigen Budapester Straße mit einem Schuss in den Kopf getötet. Ihr geschundener Körper wurde nur wenige hundert Meter entfernt in den Landwehrkanal geworfen.

Die SPD als Mitwisser

Ein halbes Jahrhundert später, im Mai 1970, wenige Tage nach dem Tod von Pabst, der die unmittelbare Verantwortung für den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht trug, wurde in dessen Nachlass ein Schriftstück gefunden, das die damaligen »Zuständigkeiten« schlaglichtartig erhellte: »Daß ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchführen konnte – mit Ebert im Hintergrund – […] ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin. Ich habe als Kavalier das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, daß ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit.«

Etwas allgemeiner, aber nicht weniger deutlich, hatte es General Wilhelm Groener in seinen »Lebenserinnerungen« formuliert: »Mit Beginn des Jahres 1919 durften wir uns zutrauen, in Berlin zuzupacken und zu säubern. Alle Maßnahmen jetzt und später erfolgten in engstem Einvernehmen mit der Heeresleitung, aber die Leitung und die Verantwortung vor Regierung und Volk trug der bald zum Reichswehrminister ernannte Noske, der, den Fußtapfen Eberts folgend, ein festes Bündnis mit den Offizieren einging.«

Die Reichsregierung selbst hatte mit einem massenhaft verteilten Flugblatt seit dem 8. Januar 1919 die Öffentlichkeit auf ein kommendes Massaker »eingestimmt«: »Wo Spartakus herrscht, ist jede persönliche Freiheit und Sicherheit aufgehoben. Die Regierung trifft alle notwendigen Maßnahmen, um diese Schreckensherrschaft zu zertrümmern und ihre Wiederkehr ein für allemal zu verhindern. […] Es muß aber gründliche Arbeit getan werden, und die bedarf der Vorbereitung. Habt nur noch kurze Zeit Geduld. [...] Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden. [...] Die Stunde der Abrechnung naht!«

Trauerzug zählte Hundertausende

Am 25. Januar 1919 wurde Karl Liebknecht gemeinsam mit dreißig weiteren Opfern der Januarkämpfe auf dem späteren Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde beigesetzt. Der gewaltige Trauerzug, der die Toten begleitete, hatte seinen Anfang in der Nähe des Alexanderplatzes genommen, am damaligen Bülowplatz, wo die Kommunistische Partei acht Jahre später ein Haus für ihre Zentrale kaufte, das sie »Karl-Liebknecht-Haus« nannte.

Der tote Körper Rosa Luxemburgs wurde erst nach mehreren Monaten, in der Nacht zum 1. Juni 1919, in einer Schleusenanlage neben der Unteren Freiarchenbrücke, die nahe des Tiergartens über den Landwehrkanal führt, gefunden. Es war die traurige Aufgabe von Mathilde Jacob, der Freundin und langjährigen Sekretärin Rosa Luxemburgs, den Leichnam anhand der Kleidung und eines Medaillons zu identifizieren.

Auch Rosa Luxemburg wurde in Berlin-Friedrichsfelde, an der Seite Karl Liebknechts, beigesetzt. Wieder waren es Hunderttausende – Arbeiter und Soldaten, Männer und Frauen, Junge und Alte –, die den Trauerzug bildeten.

Am 15. Januar 1919, nur Stunden vor seinem gewaltsamen Tod, hatte Karl Liebknecht in der »Roten Fahne« einen Artikel veröffentlicht, der eine bittere Bilanz der Kämpfe der vorangegangenen Tage zog und doch voller Optimismus war: »›Spartakus niedergerungen!‹, jubiliert es von ›Post‹ bis ›Vorwärts‹. [...] Jawohl! Geschlagen wurden die revolutionären Arbeiter Berlins! Jawohl! Niedergemetzelt an die hundert ihrer Besten! Jawohl! In Kerker geworfen viele Hunderte ihrer Getreuesten! [...] ›Spartakus niedergerungen!‹ O gemach! Wir sind nicht geflohen, wir sind nicht geschlagen. [...] Wir sind da, und wir bleiben da! Und der Sieg wird unser sein. [...] Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!« 

Dr. Ronald Friedmann ist Mitglied der Historischen Kommission der LINKEN. Dies ist sein einhundertster Beitrag für den DISPUT.


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Ronald Friedmann

»Trotz alledem!«

Vor einhundert Jahren, am 15. Januar 1919, wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht heimtückisch ermordet

Am 1. Januar 1919 eröffnete der sozialdemokratische »Vorwärts« seine Hetzkampagne gegen Emil Eichhorn, den Polizeipräsidenten von Berlin, der dem linken Flügel der USPD angehörte und am 9. November 1918 vom Vollzugsrat des Berliner Arbeiter- und Soldatenrats in seine Funktion eingesetzt worden war. Eichhorn hatte vor der Novemberrevolution als Angestellter im Berliner Büro der sowjetrussischen Nachrichtenagentur »Rosta« gearbeitet. Vor allem jedoch warf ihm der »Vorwärts« vor, während der sogenannten Weihnachtskämpfe wenige Tage zuvor die revolutionären Matrosen unterstützt zu haben. »Jeder Tag«, schlussfolgerte deshalb der »Vorwärts«, »den Herr Eichhorn länger in seinem Amt als Polizeipräsident bleibt, bedeutet eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit«. Die preußische Regierung, der seit dem Rückzug der USPD nur noch Minister mit dem Parteibuch der SPD angehörten, reagierte schnell: Eichhorn wurde am 4. Januar 1919 entlassen.

 

Die Revolutionären Obleute, die Führung der Berliner USPD und die Zentrale der eben gegründeten KPD beschlossen daraufhin, für den 5. Januar 1919 zu einer Massendemonstration von der Siegesallee im Tiergarten zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz aufzurufen. Und mehr als 100.000 Menschen folgten dem Aufruf. Während des vielstündigen Protestes warnten Karl Liebknecht und andere Redner immer wieder vor spontanen und unüberlegten Handlungen, doch die Führer der Aktion konnten nicht verhindern, dass bewaffnete Demonstranten die Druckereien des »Vorwärts«, des »Berliner Tageblatts«, die Verlagsgebäude von Mosse, Ullstein, Scherl und das Wolff’sche Telegrafenbüro besetzten.

Ein Aufstand ohne Führung

In dieser Situation konstituierte sich ein 33-köpfiger Revolutionsausschuss, an dessen Spitze Georg Ledebour, Karl Liebknecht und Paul Scholze standen. Ohne ausreichendes Wissen über die tatsächliche Stimmung unter den Massen und getäuscht von Gerüchten, dass die Truppen in und um Berlin einen Aufstand unterstützen würden, rief der Revolutionsausschuss für den 6. Januar 1919 zu Massenaktionen zum Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann und zur Übernahme der politischen Macht in Deutschland »durch das revolutionäre Proletariat« auf. Rosa Luxemburg, Richard Müller, Ernst Däumig und andere lehnten ein solches Vorgehen allerdings ab, denn sie vertraten die Ansicht, dass der Zeitpunkt für einen solchen – auch aus ihrer Sicht notwendigen – Kampf verfrüht und taktisch unklug gewählt war.

Der folgende Tag war gekennzeichnet durch Demonstrationen protestierender Arbeiter und ebenso massive Gegendemonstrationen und den Aufmarsch regierungstreuer Truppen, die bereitstanden, mit der Waffe in der Hand gegen die Aufständischen im Zentrum Berlins vorzugehen. Der Aufstand, eine spontane Massenbewegung ohne wirkliche Führung, war zusammengebrochen, bevor er überhaupt begonnen hatte.

Angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage sprachen sich zahlreiche Mitglieder des Aktionsausschusses für Verhandlungen mit der Regierung über eine Beendigung der Kämpfe und einen gewaltlosen Rückzug aus den besetzten Gebäuden aus. Doch die Verhandlungen scheiterten bereits nach wenigen Stunden.

Am 7. Januar 1919 übertrug Friedrich Ebert, der Chef der sozialdemokratischen Reichsregierung, seinem Genossen Gustav Noske das Kommando über alle Truppen in und um Berlin. Mit den Worten »Meinetwegen! Einer muss den Bluthund machen! Ich scheue die Verantwortung nicht!«, akzeptierte Noske seine neue »Aufgabe«.

Am 10. Januar 1919 stürmten Freikorpsleute die Druckerei der »Roten Fahne«, der Zeitung der KPD. In der Nacht zum 11. Januar 1919 begann unter Einsatz von Flammenwerfern, Maschinengewehren und Mörsern der Angriff der Regierungstruppen und der Freikorps auf das noch immer von Aufständischen besetzte Berliner Zeitungsviertel und insbesondere das Haus des »Vorwärts«. Dabei ging es weder den Militärs noch den hinter ihnen stehenden Regierungspolitikern um die »Befreiung« der besetzten Gebäude oder den »Schutz der Demokratie«, es ging um eine blutige Abrechnung mit der Revolution. Folgerichtig wurden Dutzende Kämpfer, die bereits kapituliert hatten, aber auch unbeteiligte Bürger, kaltblütig erschossen. Im offiziellen Bericht eines Untersuchungsausschusses des Preußischen Landtags hieß es wenige Monate später, dass bei der Niederwerfung des Januaraufstandes mehr als 150 Menschen getötet wurden. Obwohl spätestens am 13. Januar 1919 allen Beteiligten klar war, dass die Kämpfe zu Ende waren und wieder »Ruhe und Ordnung« in Berlin eingekehrt waren, ging die Jagd auf die Revolutionäre mit unverminderter Brutalität weiter.

Am 15. Januar 1919 fielen auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht der blutrünstigen Soldateska in die Hände. Angehörige einer »Bürgerwehr« hatten sie in der Mannheimer Straße 43 in Berlin-Wilmersdorf, einem der vielen illegalen Quartiere, in denen die beiden in den vorangegangenen Tagen und Nächten Zuflucht gesucht hatten, aufgespürt und im Hotel »Eden« an Hauptmann Waldemar Pabst ausgeliefert, den Ersten Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die dort ihr Stabsquartier eingerichtet hatte. Karl Liebknecht wurde im »Eden« zunächst schwer misshandelt und dann umgehend erschossen. Die Mörder selbst lieferten seinen Leichnam als »unbekannten Toten« im Leichenschauhaus ab. Rosa Luxemburg wurde unter Schlägen und Tritten in ein Auto gezerrt, um sie angeblich ins Untersuchungsgefängnis nach Moabit zu bringen. Sie wurde mit einem Gewehrkolben bewusstlos geschlagen und dann in der Nähe der heutigen Budapester Straße mit einem Schuss in den Kopf getötet. Ihr geschundener Körper wurde nur wenige hundert Meter entfernt in den Landwehrkanal geworfen.

Die SPD als Mitwisser

Ein halbes Jahrhundert später, im Mai 1970, wenige Tage nach dem Tod von Pabst, der die unmittelbare Verantwortung für den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht trug, wurde in dessen Nachlass ein Schriftstück gefunden, das die damaligen »Zuständigkeiten« schlaglichtartig erhellte: »Daß ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchführen konnte – mit Ebert im Hintergrund – […] ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin. Ich habe als Kavalier das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, daß ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit.«

Etwas allgemeiner, aber nicht weniger deutlich, hatte es General Wilhelm Groener in seinen »Lebenserinnerungen« formuliert: »Mit Beginn des Jahres 1919 durften wir uns zutrauen, in Berlin zuzupacken und zu säubern. Alle Maßnahmen jetzt und später erfolgten in engstem Einvernehmen mit der Heeresleitung, aber die Leitung und die Verantwortung vor Regierung und Volk trug der bald zum Reichswehrminister ernannte Noske, der, den Fußtapfen Eberts folgend, ein festes Bündnis mit den Offizieren einging.«

Die Reichsregierung selbst hatte mit einem massenhaft verteilten Flugblatt seit dem 8. Januar 1919 die Öffentlichkeit auf ein kommendes Massaker »eingestimmt«: »Wo Spartakus herrscht, ist jede persönliche Freiheit und Sicherheit aufgehoben. Die Regierung trifft alle notwendigen Maßnahmen, um diese Schreckensherrschaft zu zertrümmern und ihre Wiederkehr ein für allemal zu verhindern. […] Es muß aber gründliche Arbeit getan werden, und die bedarf der Vorbereitung. Habt nur noch kurze Zeit Geduld. [...] Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden. [...] Die Stunde der Abrechnung naht!«

Trauerzug zählte Hundertausende

Am 25. Januar 1919 wurde Karl Liebknecht gemeinsam mit dreißig weiteren Opfern der Januarkämpfe auf dem späteren Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde beigesetzt. Der gewaltige Trauerzug, der die Toten begleitete, hatte seinen Anfang in der Nähe des Alexanderplatzes genommen, am damaligen Bülowplatz, wo die Kommunistische Partei acht Jahre später ein Haus für ihre Zentrale kaufte, das sie »Karl-Liebknecht-Haus« nannte.

Der tote Körper Rosa Luxemburgs wurde erst nach mehreren Monaten, in der Nacht zum 1. Juni 1919, in einer Schleusenanlage neben der Unteren Freiarchenbrücke, die nahe des Tiergartens über den Landwehrkanal führt, gefunden. Es war die traurige Aufgabe von Mathilde Jacob, der Freundin und langjährigen Sekretärin Rosa Luxemburgs, den Leichnam anhand der Kleidung und eines Medaillons zu identifizieren.

Auch Rosa Luxemburg wurde in Berlin-Friedrichsfelde, an der Seite Karl Liebknechts, beigesetzt. Wieder waren es Hunderttausende – Arbeiter und Soldaten, Männer und Frauen, Junge und Alte –, die den Trauerzug bildeten.

Am 15. Januar 1919, nur Stunden vor seinem gewaltsamen Tod, hatte Karl Liebknecht in der »Roten Fahne« einen Artikel veröffentlicht, der eine bittere Bilanz der Kämpfe der vorangegangenen Tage zog und doch voller Optimismus war: »›Spartakus niedergerungen!‹, jubiliert es von ›Post‹ bis ›Vorwärts‹. [...] Jawohl! Geschlagen wurden die revolutionären Arbeiter Berlins! Jawohl! Niedergemetzelt an die hundert ihrer Besten! Jawohl! In Kerker geworfen viele Hunderte ihrer Getreuesten! [...] ›Spartakus niedergerungen!‹ O gemach! Wir sind nicht geflohen, wir sind nicht geschlagen. [...] Wir sind da, und wir bleiben da! Und der Sieg wird unser sein. [...] Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!« 

Dr. Ronald Friedmann ist Mitglied der Historischen Kommission der LINKEN. Dies ist sein einhundertster Beitrag für den DISPUT.

Deutschland braucht endlich eine soziale Regierung

Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, DIE LINKE