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Walter Wendt-Kleinberg, Hellweger Anzeiger, 7.5.2017

Soziale Gerechtigkeit nur durch sozialgerechte Teilhabe

Walter Wendt-Kleinberg stellt eigenes Mandat hinter die Ziele

der Linken – Zweitstimme zählt. Arbeitssoziologische und Arbeitsethische Fragen haben Walter Wendt-Kleinberg schon während seines gesamten Berufslebens begleitet. Auch in seinem politischen Dasein, als Direktkandidat der Linken für die Landtagswahl, findet er in diesem Bereich seinen Schwerpunkt. Es geht ihm um Sicherheit und Planbarkeit im Leben.

„Die früher erlebte fast parabeamtliche Stellung der Arbeitnehmer ist vorbei. Befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit, Werkverträge das ist an der Tagesordnung“, kritisiert der 69-Jährige. Der Direktkandidat im Wahlkreis Unna I führt diesbezüglich seine Frau als direktes Beispiel an, sie habe lange bei den Kindern bleiben wollen und arbeite nun stundenweise als Diplompädagogin bei Bildungsträgern. „Sie bekommt nur die tatsächlichen Arbeitsstunden bezahlt, da gibt es keine Krankheit, keinen Urlaub, nicht eine Spur von Sicherheit. Da wird getan, als sei das eine freiberufliche Tätigkeit, wie die von Anwälten oder Steuerberatern.“ Tatsächlich leben sehr viele hoch qualifizierte Leute in einem solchen Verhältnis. In diesem Zusammenhang stellt Wendt-Kleinberg auch den Begriff „frei“ zur Diskussion: „Wenn der vermeintlich freie Arbeitnehmer von Monat zu Monat schauen muss, ob er über die Runden kommt, hat das mit Freiheit ja nicht besonders viel zu tun.“ Der Direktkandidat der Linken verweist auf die Geschichte: „Wir haben hundert Jahre hinter uns, in denen sich Schritt für Schritt ein regulierter Sozialstaat entwickelt hat: Die Lohnhöhe, Absicherung bei Krankheit und im Alter, das sind die Säulen eines gut regulierten Sozialstaates.“

Wie diese Säulen langsam an Festigkeit verlieren, verdeutlicht der Diplom-Sozialwissenschaftler an einem Beispiel. Er berichtet ganz konkret von einem Bekannten, 55 Jahre alt, hat unverschuldet seine Arbeitsstelle verloren, weil die Firma, in der er beschäftigt war, aufgegeben worden sei. Als qualifizierter Facharbeiter befinde er sich jetzt leider in einem „beschissenen Alter“, dazu komme, dass er durch eine körperliche Beeinträchtigung nur sechs Stunden am Tag arbeiten dürfe. Wendt-Kleinberg führt weiter aus, wie die Problematik einer Arbeitslosigkeit zu diesem Zeitpunkt das bis dahin aufgebaute Leben beeinflusst. Selbst, wer bis zu einem gewissen Punkt in seinem Leben gesichert war, sein Wohneigentum, sein Auto und sonstige Sicherheiten aufgebaut hat, kommt im Falle der Erwerbslosigkeit irgendwann an die Schwelle zu Hartz IV. „Ohne, dass Leute etwas dazu können, werden ihre Mittel dann auf Armut zurückgeschmolzen, danach werden sie auf dem Niveau von Armut gehalten“, sagt Wendt-Kleinberg.

Auf die Frage, was man denn politisch für solche Menschen tun könne, die sich ihren Lebtag um Arbeit bemüht hätten, stets willens und fleißig gewesen seien, schaut der Linken-Politiker zurück auf eine Zeit vor Hartz IV. „Nach der alten Regelung wäre es tiefer als Arbeitslosenhilfe nicht gegangen und das war immer über dem Niveau der Sozialhilfe und zeitlich unbegrenzt, außerdem musste ich nicht das, was ich hatte, aufbrauchen. Das war viel gerechter, als das, was dieser flexible Arbeitsmarkt nach Schröder bedeutet.“ Das aktuelle System sei ein System des Drucks, das davon ausgehe, dass ohne Antrieb oder Androhung von Sanktionen nichts passiert. Das System gehe davon aus, dass sich die Menschen ohne Arbeit in die „soziale Hängematte“ legten und andere ausnutzten.

Solidarlösungen bedeuteten immer, dass die Gesamtheit einige mittragen muss, denen es schlecht geht, und „die von mir aus auch faule Hunde sind, wobei man dort auch tiefer schauen müsste, was jemanden motiviert, nicht mehr motiviert zu sein“. Gerade bei diesen Fragen hört man besonders deutlich den Arbeitssoziologen durch. Arbeit regele ja noch viel mehr als finanzielle Sicherheit, es gehe auch um soziale Anerkennung und Teilhabe. An der Stelle stellt Wendt-Kleinberg die Frage: „Wer sind denn die Arbeitslosen?“ Es gebe eine gewisse Zahl an schwach Qualifizierten. Das deutsche Bildungssystem produziere demnach einen gewissen Anteil von Jugendlichen, die selbst den Hauptschulabschluss nicht schafften. „Wenn wir nun davon ausgehen, dass sich das Bildungsanforderungsniveau der Arbeitgeber immer weiter nach oben verschiebt, dann müssen wir uns die Frage stellen, wo finden die geringer qualifizierten Menschen noch Platz?“ In dem Zusammenhang müsse man die Kalendersprüche der Landesregierung, wie „Kein Kind zurücklassen“ oder „Kein Abschluss ohne Anschluss“ mit Substanz füllen. Natürlich müsse in Deutschland niemand Hunger leiden, aber das sei auch gar nicht der Punkt: Armut setze an, wo Kinder von Teilhabe ausgegrenzt sind, weil die Eltern – oft sind aber auch Alleinerziehende betroffen – kein Geld haben.

„Ich komme selbst aus so einer Familie, mein Vater war Bergmann, wurde mit 42 zum Pflegefall, meine Mutter war Opel-Bandarbeiterin, wir waren sechs Kinder und hatten eine Wohnung von 60 Quadratmetern.“ Bildung habe die Familie stets offen gegenüber gestanden: Walter Wendt-Kleinberg besucht das Gymnasium und erinnert sich aber genau daran, dass er jedes Jahr, wenn es darum ging, den Schulausflug zu planen, vor der Klasse anmerken musste, dass seine Eltern den Beitrag nicht leisten können. Er habe dann trotzdem mitfahren können, weil aus einer Solidarkasse immer zwei bis drei Kinder zusätzlich finanziert werden konnten. Aber dieses Gefühl, sich durch die Armut der Familie exponieren zu müssen, daran erinnert er sich bis heute. „In Armut zu leben ist peinlich, das setzt Schamgefühle frei, denn mir fehlt etwas, das andere haben.“

Walter Wendt-Kleinberg baut trotz der familiären finanziellen Situation unfallfrei sein Abitur, studiert Sozialwissenschaften und wird 1976 auf Haus Villigst als wissenschaftlicher Referent eingestellt. Dort befasst er sich für die Evangelische Landeskirche mit dem Bereich der Beziehungen zwischen Kirche und Arbeitswelt. „Durch diese Arbeitswelt bin ich auch unfallfrei durchgekommen und dann mit 65 in den Ruhestand gegangen.“Die Karriere aus einer bildungsfernen Familie in den akademischen Berufsstand, müsste Wendt- Kleinberg eigentlich zu einer Art Archetypen machen, könnte er schließlich auf sich selbst zeigen und sagen: „Schaut, ich habe es schließlich auch geschafft.“ Doch irgendwie ein Beispiel zu sein, habe ihm nie gereicht. In der Zeit rund um 1968 erkennt der junge Student, dass die grundlegende gesellschaftliche Veränderung nur durch das aktive Übernehmen politischer Verantwortung darzustellen ist. Seine Sympathien gelten dem Spartakusbund. Studentenführer Rudi Dutschke vertritt damals die Prinzipien, wonach der historische Sieg des Proletariats nur als Ergebnis dessen Selbsttätigkeit und Ausdruck des breiten Bevölkerungswillens denkbar sei. „Ich bin dann für 30 Jahre in der SPD gewesen“, sagt Wendt-Kleinberg mit dem Hinweis darauf, dass er sich die meiste Zeit bei den Sozialdemokraten auch gut aufgehoben gefühlt habe. Bis etwa 2003, als die Reform des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes eingeleitet worden ist: „Die Agenda 2010 war dann für mich der Generalangriff auf mein politisches Grundverständnis, also mein sozialdemokratisch-konservatives Verständnis.“

Durch die tiefen Zerwürfnisse mit den Gewerkschaften, die daraus erwuchsen, habe die SPD viele Mitglieder verloren, die sich zu nicht unwesentliche Teilen auch den Linken zugewandt hätten, wie auch Walter Wendt-Kleinberg. Als es dann darum ging, sich zu entscheiden, wie aktiv er in der Partei sein wolle, habe er sich wieder vor Augen geführt, was ihm als Student bereits durch den Kopf gegangen sei. Nämlich, dass gesellschaftliche Veränderungen individuelles Engagement erfordern. In einer kleinen Partei sei man eben dann sehr schnell in Ämtern, wenn man nicht aufpasse, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Gleichzeitig stellt er aber auch klar: „Ich werde hier wohl kein Direktmandat holen, aber was ich machen kann, ist auf verschiedensten Wegen deutlich zu machen, dass es sinnvoll ist, die Ideen der Linken zu unterstützen.“ Darum sei sein Bestreben, Werbung für die Zweitstimmen zu machen in jedem Falle stärker, als die Werbetrommel für seine Person zu rühren.

Eines der dicksten Bretter, das auf Bundes-, Landes-, und Kreisebene zu bohren sei, betreffe den sozialen Wohnungsbau. Dabei gehe es nicht nur um die Integration derjenigen, die als Migranten nach Deutschland gekommen sind. Die Gesellschaft verändere sich grundlegend in der Struktur, werde älter. Ältere Menschen brauchen Wohnraum, der am besten barrierefrei und entsprechend der Höhe der gezahlten Renten erschwinglich sei. Aber auch Studenten und sozial schwächer Gestellte fänden immer weniger bezahlbaren Wohnraum.

Wendt-Kleinberg bleibt bei der Grundidee der Integration und Teilhabe bei den Flüchtlingen und betont: „Das funktioniert nur über die Vermittlung in Arbeit und die Vermittlung in Arbeit funktioniert nur über Sprache.“ Besonders in Bezug auf Letzteres sei, die Bedeutung des Ehrenamtes nicht zu unterschätzen. In seinem Wahlkreis weiß Wendt-Kleinberg, dass der Arbeitskreis Asyl einen Löwenanteil der Integrationsarbeit stemmt. „Stellen Sie sich vor, das würde weggezogen – also das Ehrenamt, egal wo – da würde alles zusammenfallen.“ Das Ehrenamt lebe in den Städten und Gemeinden. Gerade auf kommunaler Ebene müssten daher durch finanzielle Stärkung politische Handlungsmöglichkeiten entstehen und so individuelles Engagement unterstützen. „Wir haben hundert Jahre hinter uns, in denen sich Schritt für Schritt ein regulierter Sozialstaat entwickelt hat.“